3. August 2026

Wieder Vertrauen fassen: Wie Natalia und ihre Töchter in Wolhynien neu beginnen

Als Natalia mit ihren beiden Töchtern aus der Region Donezk nach Kowel in der westukrainischen Region Wolhynien kam, hatte die Familie nur das Nötigste bei sich. Was sie außerdem mitbrachte, waren Angst, Erschöpfung und die Ungewissheit über das Schicksal des Familienvaters. Er gilt seit Juni 2023 nach einem Einsatz nahe Bachmut als vermisst.

Die Evakuierung aus dem Kampfgebiet und die Sorge um ihren Mann hatten Natalia und ihre Töchter tief belastet. Auch nach ihrer Ankunft in Kowel fiel es ihnen schwer, sich sicher zu fühlen. Aus Angst vor Missverständnissen und Vorurteilen verließen sie ihre Unterkunft kaum und vermieden den Kontakt zu anderen Menschen.

Besonders deutlich zeigten sich die Folgen der Erlebnisse bei den beiden Mädchen. Die elfjährige Veronika litt unter starker Anspannung und begann, sich die Wimpern auszureißen. Ihre siebenjährige Schwester Vladyslava hatte aufgrund der langen Unterbrechungen ihrer Schulbildung große Lernrückstände. Sie konnte weder lesen noch schreiben oder rechnen, hatte Schwierigkeiten beim Sprechen und wollte sich kaum von ihrer Mutter trennen.

Unterstützung, die an vielen Stellen ansetzt

Im April 2026 wurde die Familie in das Unterstützungsprogramm von Care in Action aufgenommen. Die Hilfe setzte nicht nur bei einem einzelnen Problem an, sondern verband Lernförderung, therapeutische Begleitung, Unterstützung für die Mutter und praktische Alltagshilfe.

Vladyslava erhielt dreimal pro Woche individuellen Förderunterricht sowie regelmäßige sprachtherapeutische Unterstützung. Schon nach wenigen Wochen zeigten sich deutliche Fortschritte: Sie lernte, erste Wörter silbenweise zu lesen, begann zu rechnen und schrieb zunehmend sicherer.

Gleichzeitig nahmen Natalia und Veronika Einzelgespräche bei einer auf Krisen und Traumata spezialisierten Psychologin wahr. Dort konnten sie ihre Ängste, Verlusterfahrungen und die dauerhafte Unsicherheit Schritt für Schritt bearbeiten. Natalia besuchte außerdem Unterstützungsgruppen und psychologische Trainings. Zum ersten Mal seit Langem erlebte sie dort Gemeinschaft, Sicherheit und neue Zuversicht.

Auch im Alltag wurde die Familie unterstützt. Sie erhielt unter anderem Bettwäsche, Geschirr und eine Mikrowelle für ihre neue Unterkunft.

Ein kleiner Schritt mit großer Bedeutung

Wie viel sich inzwischen verändert hat, zeigte sich bei einem Familienfest in Rokyni. Obwohl Natalia zunächst unsicher war, löste sich Vladyslava von ihrer Mutter, ging selbstständig auf andere Kinder zu und spielte den ganzen Tag mit ihnen.

Für die Familie war das ein wichtiger Moment. Ein Kind, das sich zuvor kaum von seiner Mutter entfernen konnte, begann wieder, anderen Menschen zu vertrauen.

Auch der nächste Schritt ist vorbereitet: Beide Mädchen wurden an einer Schule in Kowel angemeldet und sollen dort ab September am regulären Präsenzunterricht teilnehmen. Damit erhalten sie nicht nur Zugang zu Bildung, sondern auch die Chance, Freundschaften zu schließen und in ihrer neuen Umgebung anzukommen.

Natalias Familie zeigt, was möglich wird, wenn psychologische, soziale, schulische und praktische Unterstützung ineinandergreifen. Aus Angst entsteht langsam Vertrauen. Aus Isolation wird Gemeinschaft. Und aus einem Alltag, der lange nur von Verlust und Unsicherheit geprägt war, können wieder erste Pläne für die Zukunft wachsen.

Unterstützung aus Deutschland

Dieses Projekt und die Begleitung von Familien wie der von Natalia werden durch Spenden aus Deutschland ermöglicht. Die Familien leben weiterhin in der Ukraine: Sie wurden aus den umkämpften Regionen nach Kowel im Westen des Landes evakuiert. Die Unterstützung trägt dazu bei, dass innerhalb der Ukraine vertriebene Kinder und ihre Familien in Wolhynien therapeutische Begleitung, Bildungsangebote und konkrete Hilfe für ihren Alltag erhalten.

Weiterlesen: Mehr über das Projekt, seine bisherigen Ergebnisse und weitere unterstützte Familien erfahren Sie in unserem Projekt-Update „Sichere Familien in Wolhynien“.

Patenschaft für ein Kind übernehmen

Mit einer monatlichen Spende von 30 € können Sie eine Patenschaft für ein Kind in der Ukraine oder in Malawi übernehmen und sein Leben zum Besseren wenden. In dieser Zeit der Krise brauchen immer mehr Kinder die Sicherheit einer regelmäßigen Patenschaft, um ihre Ausbildung zu finanzieren und ihre Grundbedürfnisse zu decken.